„Der Wald wird uns überleben, aber es wird ein anderer sein!“

Baumsterben im Kreis Gütersloh. Foto: Martina Vogt

Es sind lichte Kronen, die uns beim Blick gen Himmel derzeit ernüchtern. Fotos: Martina Vogt


Im Gespräch mit Johannes Otto Lübke (Förster, Wald+Holz NRW), Wilhelm Gröver, ehem. Leiter der Abteilung Umwelt beim Kreis Gütersloh, Annette Pagenkemper (Kreis Gütersloh, Abteilung Umwelt) und Stephan Borghoff (Umweltingenieur der Stadt Halle)

Von Martina Vogt

Kreis Gütersloh: Dass die Wälder in Deutschland massiv geschädigt sind, ist längst keine Neuigkeit mehr. Das konkrete Ausmaß der Schädigung stellte die Bundeswaldministerin Julia Klöckner kürzlich anhand des Waldzustandsberichts 2020 des Bundesministeriums am 24. Februar 2021 vor. Daraus geht hervor: Die vergangenen drei Dürrejahre, der massive Borkenkäferbefall, Stürme und vermehrte Waldbrände haben in den Wäldern langfristig enorme Schäden angerichtet. Die aktuellen Ergebnisse gehören zu den schlechtesten seit Beginn der Datenerhebungen im Jahr ’84.

Vier von fünf Bäumen haben lichte Kronen

Es wird kahl da oben: Fichte (79 %), Kiefer (80 %), Eiche (80 %), Buche (89 %) und 37 % aller Bäume weisen deutliche Verlichtungen auf. Das heißt: Bei diesen Bäumen sind mindestens 26 % der Blätter oder Nadeln vorzeitig abgefallen. Das bestätigen Wissenschaftler des Thünen-Instituts, dem Bundesforschungsinstitut für Ländliche Räume, Wald und Fischerei in Braunschweig.

Der Anteil der Bäume mit intakten Kronen liegt bei nur 21 % – der schlechteste Stand seit Beginn der Erhebungen. Angestiegen sei dagegen der Anteil der Bäume, die seit der letzten Erhebung abgestorben sind. Überwiegend über 60 Jahre alte Bäume seien laut der Wissenschaftler vom Absterben bedroht. Aber auch die jüngeren Bäume zeigen einen negativen Trend. Eine Fläche von rund 280.000 Hektar müsste derzeit wiederaufgeforstet werden.

Waldgebiet Storkenberg, Halle. Foto: Martina Vogt
Waldgebiet Storkenberg, Halle/Westfalen.

Ein Drittel mit Wald bedeckt

Ein Drittel der Landesfläche Deutschlands ist bewaldet. Allen voran sind Nadelbäume wie Fichte (25 %) und Kiefer (23 %), die Baumarten, die am häufigsten vorkommen. Gefolgt von Laubbäumen wie Buche (16 %) und Eiche (11 %). Besonders bei Fichten und Buchen hat die Kronenverlichtung im Jahr 2020 zugenommen.

Diese Zahlen passen zu dem, was die TeilnehmerInnen der geführten NABU-Waldexkursion zum Storkenberg und zur Kaffeemühle Knüll nach Halle (vergangenen Herbst 2020) erfahren haben. Die Exkursion leitete Förster Johannes Otto Lübke (Wald + Holz NRW), der an verschiedenen Stationen im Waldgebiet Storkenberg Halt machte und den TeilnehmerInnen Wissenswertes über das Baumsterben, Naturverjüngung, Aufforstung und Zukunftsvisionen berichtete.

„Die Buche hätte sich ohne das Eingreifen des Menschen auf den meisten Standorten in unserer Region behauptet. Während der letzten Eiszeit konnten hier gar keine Bäume wachsen; die Buche hat aber nach und nach seit ca. 6.000 Jahren die ihr zusagenden Standorte wiedererobert. Sie wird oft als die Mutter des Waldes bezeichnet. Doch die ausgeprägte Trockenheit der vergangenen drei Jahre hat auch Grenzen ihrer Resilienz deutlich gemacht: absterbende Kronen,“ erklärt Förster Lübke.

Förster Johannes Otto Lübke von Wald + Holz NRW. Foto: Martina Vogt
Förster Johannes Otto Lübke von Wald + Holz NRW.

Die Stadt Halle besitzt knapp 70 Hektar Wald, der zu über 80 Prozent aus Buchenwald besteht. Die Laubwälder der Stadt verjüngen sich überwiegend von selbst. Wenn künstlich aufgeforstet wird, werden Mischbestände aus mehreren Baumarten gepflanzt. Der Laubholzanteil werde in den kommenden Jahren dennoch geringfügig steigen, so Lübke.

Inventur des Waldes

Alle zehn Jahre erfolgt eine Inventur des Waldes. Die einzelnen Waldbestände werden dann beschrieben, auch wird der Holzzuwachs durch Messungen ermittelt und die nachhaltig mögliche Holznutzung hergeleitet. Die Stadt Halle hat im vergangenen Jahrzehnt eher zurückhaltend Holz eingeschlagen. Bei den Baumarten Fichte und Buche waren allerdings einige Kalamitätshiebe erforderlich (wegen Sturmschäden, Borkenkäferbefall und Trocknisschäden).

Stehenlassen statt Fällen

Der Umweltingenieur Stephan Borghoff macht einen Rückblick: „Vor zehn Jahren hätten wir noch gesagt: ‚Oh, da oben ist Totholz! Den Baum sägen wir unten ab und pflanzen etwas Neues.‘ Heute sagen wir: ‚Huch, da ist noch was Grünes! Wir warten lieber mit dem Sägen.‘ Wir sind froh, dass da überhaupt was wächst.“

Lübke: „Wir Förster schauen immer, wo besonders gut geformte, vitale Bäume sind. Und genau die kriegen bei Durchforstungen noch mehr Platz im Wald, um sich zu entwickeln. Ein starkastiger Baum wird belassen, wenn er einen Nachbarbaum mit guter Stammqualität nicht bedrängt; wenn das aber der Fall ist, wird er in der Regel gefällt. Einzelne Bäume, die von ihrer Erscheinung besonders sind, werden erhalten und ‚begünstigt‘. Außerdem lassen wir seit vielen Jahren alle Höhen- und Horstbäume stehen. Bäume, die Stammschäden aufweisen, sind oft wertvolle ‚Biotopbäume‘ und werden – sofern von ihnen keine Gefahr für Verkehr oder Spaziergänger ausgeht – erhalten. Sie sind wichtig für den Artenreichtum in unseren Wäldern.“

Die TeilnehmerInnen der NABU-Waldexkursion. Fotos: M. Vogt
Die TeilnehmerInnen der NABU-Waldexkursion.
Annette Pagenkemper vom Kreis Gütersloh und Stephan Borghoff von der Stadt Halle.
Annette Pagenkemper vom Kreis Gütersloh und Stephan Borghoff von der Stadt Halle.

Borghoff: „Unsere Buchen werden krank, weil sie zu wenig Wasser bekommen. In den vergangenen drei Jahren hatten wir zu heiße Sommer und zu milde Winter. Das Wasser konnte nicht im Unterboden gespeichert werden. Trockenstress war die Folge.“

Lübke: „Schadensbegrenzung, das ist es, was wir in den letzten Jahren im Wald machen“, erklärt der Förster. „Im Forstbetriebsbezirk Halle, für den ich zuständig bin, gibt es fast keinen Fichtenbestand mehr, der nicht vom Borkenkäfer befallen ist. Auch Fichten in Mischbeständen überleben nicht. Die Schuld am Fichtensterben trägt aber der Mensch, weil er den Klimawandel verursacht hat. Die anhaltenden Trockenperioden in den vergangenen Jahren waren einfach zu lang für unsere Bäume. In den tieferen durchwurzelten Bodenbereichen ist es auch jetzt ‚staubtrocken‘. Gerade ältere Bäume, die tiefer wurzeln, leiden besonders,“ folgert Lübke.

Bäume im Klimatest

Welche Bäume können nun den steigenden Temperaturen, heftigen Stürmen, längeren Trockenperioden und neuen Schädlingen und Krankheiten trotzen?

Auf der Suche nach jenem neuen Waldbild gehe Förster Lübke verschiedene Wege, ergänzt Annette Pagenkemper vom Kreis Gütersloh. „Er sucht Baumarten für Pflanzungen aus, die angesichts des Klimawandels voraussichtlich durchhalten werden. Er setzt auf Mischwälder mit verschiedenen Baumarten. Diversität stärkt die Widerstandskraft der Wälder und führt häufig zu größerer Artenvielfalt.“

Lübke: „Jede Baumart hat ein bestimmtes Standortsspektrum, das ihr zusagt. Die Entscheidung, mit welchen Baumarten die abgeholzten Kalamitätsflächen wieder aufgeforstet werden können, ist oft schwierig. Die jeweils vorhandene Nährstoff- und Wasserverfügbarkeit ist ausschlaggebend. Beim Nadelholz kann die Fichte oft durch Europäische Lärche, Douglasie, Küstentanne, Waldkiefer oder Schwarzkiefer ersetzt werden; anstatt Buche kommt auf vielen Standorten die Traubeneiche, die Elsbeere, die Esskastanie und die Roteiche in Betracht. Die großflächige Pflanzung mit nur einer Baumart bringt dagegen viele Risiken mit sich und sollte unterbleiben. Auch ist Naturverjüngung in die Wiederbewaldung einzubeziehen. Die natürlichen Standortkräfte werden durch Mischwald besser genutzt.“

„Die Natur kann alles, was wir uns vorstellen können. 
Sie kann es besser, effizienter, wunderbarer.“
Barbara McClintock, Botanikerin

Stiller Kampf der Bäume

Sie führen einen stillen, verzweifelten Kampf gegen Trockenheit, Stürme und kleine, aber gefährliche Schädlinge. Schauen wir heute auf unsere Wälder, erkennen wir schnell, wie kraftlos und ausgedünnt unsere Bäume teilweise aussehen. Was dem einen schadet, freut die anderen: „Jedes Jahr wächst die Population an Käfern. Irgendwann werden die Schädlinge keine Futterbäume mehr vorfinden. Ab diesem Zeitpunkt haben wir dann wieder ein normales Level“, weiß Förster Lübke. Der Borkenkäfer probiert aber aus. Er geht auch an die Kiefer und an die Lärche. „Ich hoffe, dass die Bäume den Käfer abwehren können.“

Buchenrinde mit Einbohrlöchern des Borkenkäfers.

Wie wird der Wald von morgen aussehen?

In einem Zitat des Pressesprechers von Wald + Holz NRW zog dieser die Möglichkeit in Betracht, dass zukünftig einige Teile Nordrhein-Westfalens versteppen werden. „Das glaube ich nicht“, meint Wilhelm Gröver, ehemaliger Leiter der Abteilung Umwelt beim Kreis Gütersloh. „Es gibt Gehölze, die sich gut anpassen können wie zum Beispiel der Feldahorn. Der Wald wird uns überleben. Aber es wird ein anderer Wald sein. Anders als wir ihn kennen. Es wird dann so etwas wie einen mediterranen Stadtwald geben.“

„Wir wissen nicht, wie der Wald von morgen aussehen wird,“ meint auch Umweltingenieur Borghoff. „Wir wissen nur, er wird anders aussehen. Was wir tun können, ist zu schauen, welche Arten besonders geeignet sind. Können wir Arten retten, ist das das Bild der Zukunft. Es kann sein, dass wir uns irren, und in ein paar Jahren stellen wir fest, dass der Weg doch nicht der richtige war“, schlussfolgert er.

Mischt endlich!

Man stelle sich eine Mischkultur wie ein Mehrgenerationenhaus vor, in dem verschiedene Baumarten und unterschiedlich alte Bäume sich gegenseitig unterstützen. Ein Mischwald kann sich besser gegen Schädlinge zur Wehr setzen im Vergleich zu Bäumen, die ihr Dasein in Monokultur fristen. Denn Monokultur unterbindet die natürliche Flora und Fauna, wie sie in Mischwäldern vorkommt. Ein Borkenkäfer ist einzig in einem durch Monokultur bewirtschafteten Wald eine Gefahr für die Bäume. Der Käfer frisst kranke Bäume auf, somit ist er ein wichtiges Glied innerhalb eines Waldökosystems. Da jedoch sehr viele Bäume geschwächt sind, hat der unersättliche Appetit des Käfers gravierende Folgen für die Forstwirtschaft.

Waldgebiet Storkenberg. Foto: Martina Vogt
Waldgebiet Storkenberg.

In einem Mischwald profitieren die Baumarten voneinander, gleich einer Symbiose. Sobald ein Schädling einen Baum befällt, antwortet dieser mit einer Abwehrreaktion: Er setzt sein Harz als Waffe ein. Das machen Bäume in einer Monokultur natürlich auch. In einem Mischwald besteht aber die Chance, dass eine andere Art sich besser gegen einen Schädling behaupten kann und somit größerer (Fraß-)schaden vermieden werden könnte.

„Der Fichtenborkenkäfer ist adaptiert an die Fichte und geht nicht an die Buche. Der Eichenwickler wiederum geht nur an die Eiche und nicht an die Fichte. Die meisten Insekten, die uns im Wald Probleme machen, sind spezialisiert auf eine bestimmte Baumart. Jede Mischung, die wir haben, fördert eine Stabilität und hat mehr Abwehrmechanismen. Wir streuen das Risiko, in dem wir mehrere Baumarten am Bestand beteiligen“, gibt Lübke zu verstehen.

Können Bäume Sonnenbrand bekommen?

Wenn die Rinde abblättert, ist der Schadensprozess schon relativ weit fortgeschritten. Manchmal blättert die Rinde ab, weil der Baum Sonnenbrand bekommt. Und das passiert, wenn er plötzlich von schützenden Hecken und anderen Bäumen freigestellt wurde.

Lübke: „Bei der Buche ist es nicht der Sonnenbrand: Sie ist schlicht vertrocknet. Zu viel Sonne und kein Wasser im Boden. Da ist sie schon geschwächt. Einer, der Durst hat und nichts zu trinken kriegt, der hat bei einem (Insekten)-Angriff nicht mehr viel entgegenzusetzen. Beste Bedingungen für einen Buchenborkenkäfer! Unter der Buchenrinde finden wir zum Teil seine Fraßgänge und Einbohrlöcher.

„Was wir im Kreis Gütersloh sehr gut kombinieren ist Forstwirtschaft und Naturschutz. Das funktioniert, allein durch die Vielfalt“, schließt Annette Pagenkemper das Gespräch und mahnt: „Wir müssen den Wald endlich als Ganzes verstehen lernen und hinterfragen!“

NABU-Exkursion durch das Waldgebiet Storkenberg und zur Kaffeemühle Knüll nach Halle. Foto: M. Vogt
NABU-Exkursion durch das Waldgebiet Storkenberg und zur Kaffeemühle Knüll nach Halle.
Fotos: Martina Vogt