Försterin Gabriele Lindemann. Foto: Martina Vogt
Ein Beitrag von Martina Vogt
Borgholzhausen / Kreis Gütersloh. Eine frische Brise wehte durch die Baumkronen, während sich eine Gruppe von 25 Teilnehmenden am Startpunkt, dem Parkplatz vor dem Luisenturm in Borgholzhausen, versammelte. Zu einer Wanderung durch den Borgholzhausener Wald lud der NABU Gütersloh Mitte April ein und gleich drei Experten waren mit dabei: Försterin Gabriele Lindemann von Wald und Holz NRW sowie die Waldexperten Wolfgang Schulze und Wilhelm Gröver.
Rund drei Kilometer umfasste unsere Wanderroute durch das Gebiet rund um Borgholzhausen, das geprägt ist von Buchenwäldern und auch Teil des Fauna-Flora-Habitatgebiets Östlicher Teutoburger Wald ist. Im Fokus der Exkursion standen die Fragen, wie ein klimastabiler Wald aussehen kann und wie man dahinkommt. Dabei gab uns Försterin Gabriele Lindemann einen Einblick in die Herausforderungen moderner Waldwirtschaft mit dem zentralen Anliegen: Naturschutz und Nutzung zusammenzudenken – gemeinsam mit den Waldbesitzern.




Zusammenarbeit als Schlüssel
„Wir wollen die Waldbesitzer mitnehmen“, betont Lindemann gleich zu Beginn der Tour. Denn ohne ihre Bereitschaft lassen sich ökologische Ziele kaum umsetzen. „Waldumbau ist ein Generationenprojekt: Was heute entschieden wird, zeigt oft erst Jahrzehnte später Wirkung. Umso wichtiger sei Vertrauen und eine enge Zusammenarbeit zwischen Förstern, Behörden und privaten Eigentümern“, weiß die Expertin.
Kurzer Frühling voller Leben
Besonders vielfältig präsentiert sich der Wald gerade im Frühjahr. Auf kalkhaltigem Boden wachsen hier typische Frühblüher wie Buschwindröschen, Scharbockskraut, Waldveilchen oder Goldnessel. Die Pflanzen nutzen ein kurzes Zeitfenster, bevor sich das Blätterdach der Bäume schließt und das Licht am Boden knapp wird. Schon wenige Wochen später verschwinden viele dieser Pflanzen wieder aus dem Blickfeld.
Wenn Buchen zu stark werden
Doch nicht alle Entwicklungen im Wald verlaufen harmonisch. „Die Buche entwickelt als Schattenbaumart ihr überlegenes Wuchsverhalten gegenüber der Eiche ab circa einem Alter von 60 Jahren. Ganz im Gegensatz zu Lichtbaumarten wie der Eiche, die bis zum Alter von etwa 60/70 Jahren ihre höchsten Zuwächse hat. Das heißt, die Eiche wächst im Alter langsamer. Die Buche hingegen legt dann erst richtig los“, schildert Lindemann. Wenn Boden- und Wasserverhältnisse dann noch eher zur Buche passen, hat die Eiche es sehr schwer. „Wenn wir die Eichen erhalten wollen, müssen wir ihnen helfen“, mahnt die Försterin. Das bedeutet konkret: gezielte Durchforstung. Dabei werden einzelne Buchen entnommen, um den Eichen mehr Licht und Raum zu geben. Gleichzeitig entsteht nutzbares Holz wie zum Beispiel Parkettholz, Treppenstufen oder Tische.
Missverständnisse im Wald
Solche Eingriffe sorgen bei Spaziergängern jedoch häufig für Unmut. Gefällte Bäume, Maschinen-Spuren und Astreste wirken schnell wie Zerstörung. „Hier müssen wir besser informieren“, bestätigen Wolfgang Schulze und Wilhelm Gröver. Öffentlichkeitsarbeit könne helfen, Verständnis für notwendige Maßnahmen zu schaffen.
Kein Kahlschlag, sondern Dauerwald
Ein wichtiges Prinzip moderner Forstwirtschaft ist der Verzicht auf großflächige Kahlschläge. Stattdessen setzen Förster auf den sogenannten Dauerwald: Einzelne Bäume werden entnommen, während der Bestand insgesamt erhalten bleibt. So entsteht nach und nach Platz für neue Generationen. Junge Bäume wachsen aus Samen vor Ort nach – ein Prozess, den Fachleute als Naturverjüngung bezeichnen. Voraussetzung dafür ist ausreichend Licht, das durch gezielte Eingriffe geschaffen wird. „Es braucht also gar keinen Kahlschlag“, betont Lindemann.
Borkenkäfer als Krisensymbol
„Wie verletzlich unsere Wälder sind, zeigen die vergangenen Jahre, besonders die Dürrejahre 2020, 2021 und 2023 eindrücklich“, weiß Lindemann zu berichten. Besonders die Fichten litten unter der Trockenheit und Hitze. Es waren aber ideale Bedingungen für den Borkenkäfer, der bereits ab 16 Grad Celsius aktiv ist. Statt wie früher drei entwickeln sich heute bis zu fünf Käfergenerationen pro Jahr. Die Folge: großflächige Schäden. Die Bekämpfung ist aufwendig und verlangt schnelles Handeln – vom Fällen befallener Bäume bis zum Abtransport des Holzes.
„Wir haben hier über Jahre am Limit gearbeitet, um zu retten, was noch zu retten war“, erzählt die Försterin ein wenig stolz. „Dass ich hier überhaupt grüne Fichten zeigen kann, ist ein großer Erfolg!“ Denn es ist das einzige Revier mit noch nennenswertem Fichtenanteil im Forstamtsbereich Regionalforstamt Ostwestfalen. „Es sind quasi die letzten ihrer Art“, folgert Wolfgang Schulze.
Hat die Fichte noch eine Zukunft?
Trotz aller Probleme bleibt die Fichte ein wichtiger Baum. Ihr Holz ist für den Bau unverzichtbar – etwa für Dachstühle oder Holzhäuser. Gleichzeitig gilt: Monokulturen sollen der Vergangenheit angehören. Die Lösung liegt im Mischwald. Neben Fichten wachsen künftig auch Laubbäume oder andere Nadelhölzer nebeneinander. Das Ziel ist ein stabiler Wald, der besser mit Klimaveränderungen umgehen kann und ein Netz bildet mit unterschiedlichen Pflanzen, die stark genug sind, die eine oder andere künftige Krise besser zu überstehen.
Wirtschaftliche Realität der Waldbesitzer
Doch ökologische Ideale stoßen oft auf wirtschaftliche Grenzen. Aufwendige Mischkulturen mit Eiche, Ahorn oder Kirsche sind teuer. Günstigere Alternativen wie Lärche oder Douglasie erscheinen vielen Waldbesitzern attraktiver. „Die Kunst ist, die Menschen dort abzuholen, wo sie stehen“, so Lindemann. Beratung spielt deshalb eine zentrale Rolle.
Wald braucht Pflege – und Zeit
Nach der Pflanzung ist die Arbeit im Wald aber lange nicht vorbei. Denn junge Bäume müssen gepflegt und vor Wildverbiss geschützt werden. Erst über Jahre hinweg entsteht ein stabiler Bestand und Beispiele aus der Region zeigen: Vielfalt auf kleiner Fläche kann die Widerstandskraft der Bäume deutlich erhöhen.
Holz als Rohstoff der Zukunft
Neben dem ökologischen Wert hat der Wald auch eine wirtschaftliche Bedeutung. Holz gilt als klimafreundliche Alternative zu energieintensiven Materialien wie Beton oder Stahl. Doch dafür braucht es ausreichend Rohstoff – und die richtigen Baumarten. Nicht jedes Holz eignet sich für jeden Zweck: „Während Fichte oder Douglasie im Bau gefragt sind, ist Buche im Außenbereich kaum nutzbar.
Solche Unterschiede spielen bei der Waldplanung eine entscheidende Rolle“, betont Lindemann. Und: „Es macht wenig Sinn, wenn wir Häuserbau mit Holz, modulares Bauen mit Holz, forcieren wollen, aber gar nicht wissen, wo wir den Rohstoff herkriegen. Wir haben das Holz gar nicht.“
Einfluss des Wildes
Ein oft unterschätzter Faktor ist das Wild. Rehe und andere Tiere können junge Pflanzen stark schädigen. Ein Vergleich zeigt: Innerhalb von Schutzgattern wachsen Bäume deutlich besser als außerhalb. Ohne angepasste Wildbestände wird der Waldumbau erschwert.
Balanceakt mit Zukunft
Die Exkursion machte deutlich: Der Wald von morgen entsteht im Spannungsfeld zwischen Naturschutz, Nutzung und wirtschaftlichen Interessen. Einfache Lösungen gibt es nicht. Doch eines wird klar: Nur durch Zusammenarbeit, Wissen und langfristiges vorausschauendes Denken kann unser Wald auch in Zukunft bestehen.





