Zwischen Blumenfeldern und Gemüsebeeten

Biolandhof Mertens Wiesbrock. Foto: privat

Ein Beitrag von Martina Vogt

Varensell/Rietberg (Kreis Gütersloh). Frische Kräuter, aber auch Dahlien und Margeriten duften in der warmen Sommerluft, auf den Feldern wachsen Salate, Kohl und Kartoffeln, während im Hofladen bereits die ersten Kunden ihren Einkauf erledigen. Wer den Biohof Mertens Wiesbrock in dem über 3.000-Seelenort Varensell besucht, erlebt, wie vielfältig ökologischer Landbau sein kann. Seit der Gründung im Jahr 1989 setzt der Familienbetrieb auf regionale Vermarktung, nachhaltigen Gemüseanbau und den direkten Kontakt zu seinen Kundinnen und Kunden. Wir vom NABU Kreisverband Gütersloh wollten einmal hinter die Kulissen schauen und luden Interessierte Mitte Juni zu einer Hofführung auf den Biohof nach Varensell ein.

Magdalene Mertens-Wiesbrock gründete zusammen mit ihrem Mann Josef Wiesbrock 1989 den Hof. – Foto: Margret Lohmann

Qualität statt Masse

Wir stehen für 100 Prozent Bio“, erzählt uns Magdalene Mertens-Wiesbrock, die den Hof gemeinsam mit ihrem Mann Josef Wiesbrock gegründet hat. Für die Familie steht dabei nicht die größtmögliche Erntemenge im Mittelpunkt, sondern der Geschmack und die Qualität der Produkte. „Wir wählen bewusst andere Obst- und Gemüse-Sorten aus. Sie schmecken einfach anders als die Sorten aus dem Supermarkt“, erklärt die über 70-Jährige. Und diese Philosophie zeigt sich auf den Feldern: Statt Monokulturen wächst hier eine große Vielfalt an Gemüse. Im Sommer werden überwiegend Gurken und Tomaten geerntet, die weitestgehend unter Folien-Tunneln gezogen werden. Dadurch werde die Gefahr einer Pilzentwicklung minimiert. Hinzu kommen Möhren, Kartoffeln, Kohlrabi, Wirsing, Grünkohl, Mangold, Rucola, Blattsalate und noch weitere Bohnen- und Kohlsorten. Aber auch auf einem Acker angepflanzte Blumen zum selber Ernten, gibt es hier. Der Clou: Auf einem extra Feld wurde eine regionale Wildblumenmischung für Insekten angepflanzt. „Das gehört allein den Insekten“, lacht Magdalene. „Ansonsten gelangt alles, was auf dem Hof produziert wird, direkt zu den Kund:innen – der Großhandel spielt für uns bewusst keine große Rolle“, betont sie.

Bio-Hof Mertens Wiesbrock. – Foto: Margret Lohmann

Regionaler Lieferservice als wichtiges Standbein

Ein wesentlicher Bestandteil des Betriebs ist der Lieferservice. Rund 1.200 Kundinnen und Kunden werden jede Woche beliefert – darunter Privathaushalte aber auch Schulen, Kindertagesstätten und Büros nehmen diesen Dienst in Anspruch.

Das Liefergebiet erstreckt sich in einem Radius von rund 50 Kilometern rund um Varensell – von Bielefeld bis Harsewinkel. Geliefert werden neben frischem Obst und Gemüse auch Milchprodukte, Brot, Fleisch, Wein, Kaffee – alles Bio, versteht sich. Ergänzt wird das Angebot durch den Versandbereich „Bio auf Vorrat“. Dort werden ausschließlich haltbare Bio-Produkte wie Konserven oder Trockenwaren deutschlandweit verschickt.

Samenfeste Sorten erhalten

Ein besonderes Anliegen der Familie ist der Erhalt samenfester Gemüsesorten. Das bedeutet, dass Pflanzen über ihre eigenen Samen vermehrt werden können und ihre „Nachkommen“ gleiche Eigenschaften aufweisen wie die Mutterpflanze. Sie sind also nachbaufähig. Das gewonnene Saatgut ist durch Auswahl der besten Pflanzen über Generationen hinweg stabil.

„Es wäre schlimm, wenn irgendwann niemand mehr in der Lage wäre, sein Saatgut selbst zu gewinnen“, betont Magdalene. Deshalb arbeitet der Biohof mit Saatgut-Betrieben zusammen, die traditionelle Sorten erhalten. Wer Interesse hat, kann auch an einem der vielen Workshops auf dem Varenseller Biohof teilnehmen. Dort lernt man beispielsweise Tomaten-Saatgut für die nächste Gartensaison selbst zu gewinnen, Weidenkörbe zu flechten oder Sommer-Blumensträuße zu binden.

Vier Kinder führen den Familienbetrieb weiter

„Was 1989 als kleiner Familienbetrieb begann, ist heute ein Unternehmen mit rund 100 Mitarbeitenden, einschließlich des Versandbereichs“, erzählt uns Magdalene ein wenig stolz.

Die zweite Generation trägt inzwischen maßgeblich Verantwortung. Die vier erwachsenen Kinder – drei Söhne und eine Tochter – haben jeweils eigene Aufgaben im Familienbetrieb übernommen. Während sich einer um den Gemüseanbau kümmert, verantworten die anderen den Lieferservice oder die Direktvermarktung. „Mein Mann und ich sind zwar bereits im Ruhestand, aber wir arbeiten gerne weiterhin aktiv auf dem Hof mit“, erzählt uns Magdalene.

Natur erleben statt nur darüber sprechen

Neben der Landwirtschaft engagiert sich der Biohof auch in der Umweltbildung. Regelmäßig kommen Kita-Gruppen und Schulklassen zu Besuch und ernten zum Beispiel Kartoffeln; andere Gruppen buchen einen der angebotenen Workshops oder individuelle Führungen. Gemeinsam mit der Volkshochschule Gütersloh werden Kinderprogramme wie „Wildnis-Wissen“ angeboten, deren Ziel es ist, Kindern und Jugendlichen den Wert von Natur und nachhaltiger Landwirtschaft näherzubringen.

Klimawandel bereitet Sorgen

Mit Sorge blickt die Rentnerin auf die Veränderungen der vergangenen Jahre. „Seit Langem kämpfen wir mit weniger Niederschlägen, Hitzewellen, sehr warmen Wintermonaten und sehr trockenen Sommerphasen“, berichtet sie. Besonders problematisch seien trockene Frühjahre mit langen kalten Nächten. Bleiben die Bodentemperaturen längere Zeit unter zehn Grad Celsius, komme das Pflanzenwachstum nahezu zum Erliegen. Kartoffeln und viele andere Kulturen litten darunter besonders. „Für die Zukunft wünsche ich mir mehr politisches Gehör für landwirtschaftliche Betriebe und ein stärkeres Bewusstsein unserer Gesellschaft für den Klima- und Umweltschutz. Heute ist es wichtiger denn je, nicht die Augen zu verschließen, sondern aktiv etwas für den Schutz unserer Natur zu tun.“

Bio-Hof Mertens Wiesbrock. – Foto: Margret Lohmann

Ein Hof mit Zukunft

Der Biohof Mertens Wiesbrock verbindet traditionelle Landwirtschaft mit modernen Ideen. Regionale Vermarktung, nachhaltiger Anbau, Umweltbildung und der Erhalt alter Gemüsesorten gehören heute ebenso zum Betrieb wie digitale Kommunikation und ein eigener Lieferservice.

Wer den Hof besucht, nimmt nicht nur frisches Gemüse mit nach Hause, sondern erhält auch einen Einblick in die Arbeit hinter den Produkten – und in einen Familienbetrieb, der seit mehr als 35 Jahren zeigt, dass ökologische Landwirtschaft und wirtschaftlicher Erfolg zusammenpassen können.