Wanderung durch das Naturschutzgebiet Ströhen – Foto: Martina Vogt
Ein Nachbericht von Martina Vogt
Steinhagen/Kreis Gütersloh. „Hast du etwa getrunken, als du den Graben ausgeglichen hast? Da sind ja mächtig viele Schlenker drin!“ Der Spruch ist Gerhard Wulfhorst noch gut in Erinnerung. Was früher als unsaubere Arbeit galt, ist heute ein wichtiger Bestandteil naturnaher Gewässergestaltung: Dabei muss ein Bach nicht schnurgerade verlaufen. Im Gegenteil. Kurven, flachere Ufer und Totholz können wertvolle Lebensräume schaffen.

An einem warmen Samstagvormittag im Juli nahm der NABU Gütersloh zusammen mit dem Bio-Landwirt (und NABU-Mitglied) Gerhard Wulfhorst und dem Milchbauern Carsten Frentrup rund 25 Naturinteressierte (mich eingeschlossen) mit auf eine zweistündige Begehung durch das Naturschutzgebiet Ströhen in Steinhagen. Während der Begehung sprachen Wulfhorst und Frentrup über die Geschichte der Landschaft, die Renaturierung des Reckbachs und die Herausforderungen, vor denen Naturschutz und Landwirtschaft angesichts veränderter klimatischer Bedingungen stehen. Wir erlebten dabei kein unberührtes Stück Natur, sondern eine Landschaft, die seit Generationen vom Menschen gestaltet und genutzt wird – und in der heute nach Wegen gesucht wird, natürliche Prozesse wieder stärker zuzulassen.

Vom schnurgeraden Graben zum naturnahen Gewässer
„Früher (in den 90ern) war es noch so: Ein Graben muss gerade sein. Heute sind Gräben mit Schlenkern versehen“, erklärt uns Wulfhorst, der von Beruf Landschaftsgärtner ist. Der Steinhagener hat selbst Hand angelegt, um einen Abschnitt des Kochbachs naturnäher zu gestalten. Auf eigene Kosten und in Eigenregie hat er das Ufer auf eigenem Gebiet flacher gezogen, nachdem es immer wieder zu Einbrüchen gekommen war. „Die Wasserfläche an dieser Stelle war etwa 2,80 Meter breit. Durch die nachgebenden Böschungen drohte nach und nach wertvolle Wiesenfläche verlorenzugehen“, erzählt er uns. Bei der Umgestaltung setzte der Familienvater unter anderem auf Totholz-Faschinen – das sind lang gezogene Bündel aus Holz, die im Uferbereich mit Pfählen befestigt werden. Dahinter kamen Wasserbauschotter und Oberboden zum Einsatz, teilweise ergänzt durch Stein- und Grasboden.



Die geschwungene Linienführung war dabei kein Versehen, sondern Absicht. Ein naturnah gestalteter Bach soll nicht einfach wie ein technischer Entwässerungsgraben funktionieren. „Er soll Strukturen bieten, in denen sich Wasser, Pflanzen und Tiere entfalten können“, betont er, während er mit dem Finger auf ein paar am Ufer stehende Erlen zeigt. Was zunächst unscheinbar wirkt, ist Teil einer Entwicklung, die sich erst mit der Zeit vollständig erkennen lässt.
Eine Landschaft, die vor rund 100 Jahren entwässert wurde
Als Landwirt, Ortslandwirt, Jäger und Vorsitzender im Beirat der Unteren Naturschutzbehörde kennt Carsten Frentrup die verschiedenen Interessen, die hier auf dem Ströhen aufeinandertreffen. Mit seinem Milchviehbetrieb bewirtschaftet er große Teile des Naturschutzgebiets, durch das wir gerade gehen. Sein Hof liegt direkt am Rand der Ströher Feuchtwiesen, die er zur Futtergewinnung für seinen Milchvielbetrieb nutzt. Auch Frentrup weiß so einiges über das Gebiet zu erzählen: „Die meisten Gewässer in diesem Gebiet sind nicht natürlichen Ursprungs. Sie wurden in den 1920er-Jahren angelegt, um feuchte Flächen besser nutzbar zu machen und die landwirtschaftliche Produktivität zu steigern. Nach dem Ersten Weltkrieg war die Versorgungslage schwierig, zusätzliche Erträge aus bislang schwer bewirtschaftbaren Böden waren dringend gefragt“, berichtet er uns. Damals wurden die Gräben von Hand ausgehoben, häufig entlang der Flurgrenzen. „Dadurch entstanden lange, schnurgerade Abschnitte mit einem relativ schmalen, kastenförmigen Profil. Teilweise waren die Gräben 80 Zentimeter bis zu 1,20 Meter breit beziehungsweise tief angelegt.“
Auch die Bodenverhältnisse spielen eine Rolle. Obwohl die Gegend sandige Böden aufweist, gibt es stellenweise ausgeprägte Ortsteinschichten, die das Versickern des Wassers erschweren und den Zugang der Pflanzenwurzeln zu aufsteigendem Grundwasser beeinträchtigen können. „Früher diente das System der Entwässerung und Bewirtschaftung, heute sind aber ganz neue Anforderungen an die Gewässerpflege, die wir beachten müssen“, räumt Wulfhorst ein, „denn schmale Gräben, die schnell Wasser abführen, bieten eben nur wenig Raum für eine natürliche Entwicklung.“
Weniger mähen, Wasser länger halten
Lange Zeit wurden diese Gräben intensiv gepflegt. „In meiner Kindheit“, erzählt Frentrup, „sind die Gewässer noch wochenlang mit Forke und Sense von Hand gereinigt worden.“ Heute holt sich der Familienvater dafür Unterstützung mithilfe eines Baggers mit Mähkorb. Die Vegetation auf dem Ströhen lassen die Bauern (es gibt einige mehr als nur die beiden) bewusst bis in den Herbst hinein wachsen. „Eine regelmäßige Unterhaltung bleibt aber notwendig, denn die schmalen Gräben würden ohne Pflege schnell zuwachsen. Der Zeitpunkt hierfür macht da den Unterschied“, so Frentrup. „Wir können das den ganzen Sommer wachsen lassen, das gibt Flora und Fauna mehr Raum.“ Zugleich beschattet der Bewuchs die Gewässersohle und kann dazu beitragen, dass das Wasser nicht so schnell austrocknet und sich erwärmt.

Schaut man auf die zunehmenden Trockenperioden, macht dieser Punkt besonders Sinn. Während wir weitergehen, machen wir an einem weiteren Graben Halt. „Hier haben wir einen Graben, der seit seiner Anlage in den 1920er-Jahren lange Zeit zuverlässig Wasser führte und erstmals 1959 über einen längeren Zeitraum im Sommer trockenfiel. Das ist dann 2018 erneut geschehen.“ Inzwischen trockne er nahezu jedes Jahr zeitweise aus. Kurios sei, dass ein Abschnitt in unmittelbarer Nähe bislang nicht trockenfalle. Dort vermutet Frentrup mehrere Quellen. Auf rund 125 Metern gebe es sechs Quellaustritte, vermutet der Steinhagener.
Mehr Platz für den Reckbach
Bei einer Renaturierung geht es aber nicht nur darum, einen Graben anders zu pflegen. Häufig muss das Gewässer mehr Raum bekommen. „Wenn wir aus der Unterhaltung rauswollen, müssen wir von dieser 80-Zentimeter- oder 1,20-Meter-Bachsohle wegkommen“, erläutert Frentrup besorgt. Für eine naturnahe Entwicklung seien teilweise drei, vier oder fünf Meter breite Gewässerbereiche erforderlich. So könne der Bach mäandrieren, Bewuchs in der Sohle zulassen und trotzdem ausreichend Wasser abführen. Der entscheidende Faktor dabei ist die verfügbare Fläche: Wo Grundstücke erworben oder landwirtschaftliche Nutzflächen abgegeben werden müssen, entstehen hohe Kosten. In Steinhagen seien für landwirtschaftliche Flächen inzwischen Preise von deutlich mehr als zehn Euro pro Quadratmeter möglich, berichtet Frentrup weiter. Bei einem Hektar entspreche das bereits mehr als 100.000 Euro allein für den Grunderwerb – hinzu kämen die Kosten für die eigentlichen Arbeiten.
Einfacher sei es, wenn Flächen bereits im öffentlichen Eigentum lägen oder private Eigentümer bereit seien, einen Teil ihres Grundstücks zur Verfügung zu stellen. Auch sogenannte Öko-Punkte, die als naturschutzfachlicher Ausgleich für Eingriffe in die Natur genutzt werden können, spielen bei der Finanzierung solcher Maßnahmen eine nicht ganz unwichtige Rolle.





Zwischen Erlen, Weiden und Totholz
An einem weiteren Abschnitt des Reckbachs erklärt uns Wulfhorst, dass die Wasserfläche heute deutlich breiter ist, als es auf den ersten Blick scheint. „Beide Seiten des Bachs sind mit Erlen, Rohrkolben und anderen Pflanzen relativ stark bewachsen und dadurch kaum noch als Wasserfläche erkennbar.“ Auch der Reckbach wurde in privater Initiative, mithilfe der Unteren Landschaftsbehörde und einer Fachfirma umgestaltet. Totholz wurde integriert, Erlen dürfen wachsen, und auch Weiden wurden gepflanzt. Die Strukturen sollen dem Gewässer mehr Natürlichkeit verleihen und neue Lebensräume schaffen. „Aber das Pflanzen von Bäumen oder das Ausheben einer Wasserfläche sei nur ein Teil der Arbeit“, wirft Carsten Frentrup ein. Die Flächen müssen eben auch langfristig gepflegt und die Gehölze bei Bedarf zurückgeschnitten werden.

Ein Beispiel für ein solches Engagement ist eine Obstbaumreihe entlang eines Feldwegs, den wir während unserer Wanderung zu Gesicht bekommen. Die Aktiven-Gruppe des NABU Gütersloh pflanzte die Bäume im Dezember 2024. „Kurz vor Weihnachten war das, unterstützt durch den Heimatverein Brockhagen, der nach Möglichkeiten gefragt hatte, die Aktion finanziell und personell zu fördern“, berichtet Wulfhorst lobend. Auch hier galt: Das Pflanzen der Bäume allein reicht nicht. Anwohnende mussten bereit sein, dafür einen Streifen ihrer Fläche zur Verfügung zu stellen. „Solche Initiativen sind ein wichtiger Baustein, um die Landschaft ökologisch aufzuwerten“, sind sich die beiden Steinhagener einig.
Schutz für Kiebitz und Großen Brachvogel
Die Ströher Wiesen und die Deteringswiesen unterscheiden sich in ihrer Struktur und Bewirtschaftung: Während Teile der Ströher Wiesen traditionell intensiver genutzt werden, finden sich in den Deterings Wiesen größere Bereiche, die extensiv bewirtschaftet werden.
Ein wichtiger Grund für den Schutz der Wiesen ist der Erhalt von Bodenbrütern, insbesondere des Großen Brachvogels und des Kiebitzes. Für diese Vogelarten sind geeignete offene Flächen und störungsarme Brutbedingungen entscheidend. „Neben einer angepassten Bewirtschaftung zum Schutz der Bodenbrüter, stehen wir aber gleichzeitig vor der Herausforderung, sie vor ihren Fressfeinden wie dem Waschbär, der Krähe und auch vor freilaufenden Katzen zu schützen – Schutz, den wir im Grunde nicht wirklich bieten können.“
„Klimawandel verändert die Landwirtschaft …
… und ist längst in meinem Arbeitsalltag angekommen“, folgert Frentrup. Die Vegetationsperiode sei im Vergleich zu seiner Kindheit inzwischen circa vier bis sechs Wochen länger. Das Gras beginne früher zu wachsen und wachse häufig bis weit in den Herbst hinein. „Fünf- bis sechsmal im Jahr mähen wir auf manchen Flächen, während früher oft drei Schnitte üblich waren.“ Für Frentrups Milchviehbetrieb ist hochwertiges, frisches Futter entscheidend und durch die verlängerten Vegetationsperioden wird es immerhin günstiger: „Je mehr davon auf den eigenen Flächen gewonnen werden kann, desto weniger Futtermittel müssen wir von außerhalb zukaufen.“
Doch die längere Periode ist nicht nur von Vorteil. Trockenheit und wechselnde Niederschlagsmuster stellen die Bewirtschaftung vor neue Herausforderungen. Auch der Wasserhaushalt der Naturschutzflächen verändert sich. „Eine intakte Natur ist die Grundlage landwirtschaftlichen Wirtschaftens“, folgert Frentrup schließlich. Bei seiner Antrittsrede im Beirat der Unteren Naturschutzbehörde habe er deutlich gemacht, dass er keine grundsätzlichen Gräben zwischen Landwirten und Naturschützern sehe. „Natürlich gibt es unterschiedliche Interessen und wirtschaftliche Zwänge. Entscheidend ist doch aber, diese gegenseitig zu berücksichtigen. Eine funktionierende Natur ist eben keine Nebensache, sondern Voraussetzung dafür, dass Landwirtschaft langfristig bestehen kann.“
Naturschutz braucht Zusammenarbeit
Nicht alle Herausforderungen lassen sich auf der Fläche lösen. Dass verschiedene öffentliche Stellen bei der Entwicklung des Naturschutzgebiets häufig zu wenig miteinander kommunizierten, mokierte Frentrup. Dabei seien Flächen im Besitz unterschiedlicher Institutionen, und verschiedene Infrastruktur- und Ausgleichsplanungen beträfen dieselbe Landschaft. Frentrup sieht darin verschenkte Möglichkeiten: „Wenn Behörden und weitere Beteiligte ihre Planungen besser abstimmten, könnten Biotope miteinander vernetzt und Maßnahmen effizienter umgesetzt werden. Man könnte für so ein Gebiet, was Biotopvernetzung angeht, viel mehr erreichen“, lautet seine Einschätzung.
Auch die Finanzierung bleibe ein entscheidender Faktor. Für die Anlage einer Blänke, einer flachen Wasserfläche, seien beispielsweise zwei Tage Baggerarbeit sowie zwei Tage mit Traktor, Fahrer und Anhänger erforderlich gewesen. Der ausgehobene Boden sei in der Nachbarschaft abgefahren worden. Zusätzliche Pflanzungen seien bis auf wenige Weiden nicht notwendig gewesen – die weitere Entwicklung soll weitgehend durch natürliche Vegetation erfolgen. Wie schnell sich eine solche Fläche verändert, hängt allerdings auch vom Wetter ab. Nach einem trockenen April und einem feuchten Mai zeigt sich die Wasserfläche bei unserer Begehung in einem anderen Zustand, als es in trockeneren Jahren der Fall gewesen wäre.






Natur erleben – und Rücksicht nehmen
Während des Rundgangs weist uns Gerhard Wulfhorst darauf hin, dass wir gerade teilweise über Flächen gehen, die normalerweise nicht frei zugänglich sind. Ein Teil gehört zum Landschaftsschutzgebiet, ein anderer zum Naturschutzgebiet. „Auch wenn Spaziergänge in der Landschaft willkommen sind, müssen die Schutzbestimmungen beachtet werden.“
Frentrup erinnert daran, dass Hunde nicht einfach auf geschützten Wiesen frei laufen sollten. Bodenbrüter und andere Wildtiere benötigen Rückzugsräume, insbesondere während der Brut- und Aufzuchtzeit. Schilder allein reichten aber nicht immer aus, um Störungen durch Mensch (und/mit Hund) zu verhindern.
Die Begehung soll uns eben auch dafür sensibilisieren, dass Naturschutz nicht erst bei großen Renaturierungsprojekten beginnt. Rücksichtnahme im Alltag gehört ebenso dazu wie die Pflege eines Bachlaufs, die Anlage einer Blänke oder das Pflanzen einer Obstbaumreihe.
Der Natur mehr Raum geben
Nach zwei Stunden wird uns allen klar, wie eng Geschichte, Landwirtschaft, Wasserwirtschaft und Naturschutz im Ströher Gebiet miteinander verbunden sind. Die Gräben wurden einst angelegt, um feuchte Böden landwirtschaftlich nutzbar zu machen. Heute sollen sie zugleich Wasser zurückhalten, Lebensräume schaffen und sich naturnäher entwickeln können.
Gerhard Wulfhorst zeigte mit seinem persönlichen Einsatz (genauso wie Jörg Brinkmann, Burkhard Reckmann und Ralf Upman von der Baumschule Upmann) wie einzelne Menschen solche Veränderungen voranbringen können. Carsten Frentrup machte deutlich, welche Anforderungen dabei an die landwirtschaftliche Praxis gestellt werden und wie wichtig die Zusammenarbeit aller Beteiligten dabei ist.
Eine Erkenntnis nach der Wanderung: Naturschutz und Landwirtschaft müssen keine Gegensätze sein. Sie brauchen Raum für unterschiedliche Anforderungen, für gegenseitiges Verständnis und den Willen, gemeinsam Lösungen zu entwickeln. Und manchmal beginnt das mit einem Graben, der nicht mehr schnurgerade verlaufen muss … 🙂



