Foto-Collage: Martina Vogt
Ein Beitrag von Martina Vogt
Kreis Gütersloh. Ein leises, gedecktes Zirpen liegt in der Luft – unscheinbar, fast zu überhören. An einem Waldrand bleibt eine kleine Gruppe stehen und lauscht aufmerksam. „Was wir gerade hören, ist der Gesang der Waldgrille“, erklärt uns Entomologe Christian Venne und deutet ins Dickicht.
Zusammen mit dem NABU Kreisverband Gütersloh, der zur Insekten-Wanderung im Spätsommer 2025 einlud, führte Christian Venne von der Bio-Station Paderborn-Senne Insekten-Fans und Naturschutzinteressierte durch einen besonderen Landschaftsraum am Rand des Teutoburger Waldes bei Oerlinghausen, die Wistinghauser Senne.
Viele unterschiedliche Lebensräume nebeneinander
Man kann die Senne als eine recht junge Landschaft bezeichnen, deren heutige Gestalt durch die Eiszeit mitgeprägt wurde. Das Gebiet setzt sich aus nährstoffarmen Sanden zusammen, durch die eine magere Landschaft entstehen konnte und das förderte in Kombination mit der späteren Nutzung die typische Heide-Entwicklung, wie wir sie heute kennen. „Genau wie früher wird auch heute noch Sand in der Senne abgebaut, zudem haben wir hier Wald und schließlich offene Lebensräume, die durch Beweidung offengehalten werden“, erläutert Venne.




„Das ist das Interessante an der Wistinghauser Senne: Hier liegen kalk- und sandgeprägte Lebensräume ganz dicht nebeneinander.“ Das passiert sehr selten. Und das erhöht die Artenvielfalt in diesem Gebiet zusätzlich, „was ein zentrales Argument für die Ausweisung als Naturschutz-Großprojekt war.“ Und weiter geht es auf dem Weg in Richtung Heide. „Dieser Teil der Senne gilt als Hotspot für seltene und wärmeliebende Arten. Allein in einem ehemaligen Sandabgrabungsgebiet wurden bereits 120 Wildbienenarten nachgewiesen“, erklärt der Entomologe stolz.
Feldgrillen „gehen“ auf Wanderschaft
Sie ist eigentlich eine typische, in der Senne vorkommende Art: die unscheinbare, braun gefärbte und selten zu beobachtende Waldgrille. Klein ist sie auch noch mit einer Körperlänge von 7 bis 11 Millimetern (Bei der Feldgrille sind es immerhin 18 bis 26 Millimeter). Wenn man sich auf die Suche nach ihr begeben würde, müsste man schon auf Bäumen und in der Streuschicht nach ihr Ausschau halten, empfiehlt uns Christian Venne. Aber auch mit ihrem leisen Gesang bleibt sie meist unentdeckt.

Ihre größere Verwandte, die Feldgrille dagegen erlebt derzeit eine richtige Renaissance. Nach einem starken Rückgang in den 1950er-Jahren breitet sie sich heute wieder weit aus – ausgehend von der Senne bis tief in die Westfälische Bucht. „Und das alles zu Fuß“, betont Venne. „Die laufen eigentlich nur!“ In Ausnahmefällen entwickeln Feldgrillen lange Flügel, die ihnen das Fliegen ermöglichen. Und manchmal helfen sogar Schafe bei der Ausbreitung mit: Grillenlarven können sich im Fell von Wanderschafherden verkriechen und so in neue Lebensräume gelangen.
Hauptsache Glockenblumen
Ein zentrales Thema der Exkursion war die Bedeutung geeigneter Pflanzen – nicht nur in Schutzgebieten, sondern auch in privaten Gärten. Besonders Glockenblumen spielen eine wichtige Rolle. „Bei uns gibt es fünf Wildbienenarten, die ausschließlich an Glockenblumen Pollen sammeln: 3 Scherenbienen, 1 Sägehornbiene und 1 Schmalbienenart“. Wer diese Pflanzen im Garten ansiedelt, könne mit etwas Geduld schon nach 1 bis 2 Jahren spezialisierte Wildbienen beobachten.







Auch Korbblütler stellen eine wichtige Gruppe für viele Insektenarten dar. Allein bei den Wildbienenarten gibt es 15 bis 20 Arten in Ostwestfalen, die nur an Korbblütlern Pollen sammeln. Wildbienen stehen also auch auf Kamille, Wegwarte und viele andere Blühpflanzen, sogar invasive Arten, wie zum Beispiel die Breitblättrige Platterbese mit ihren pinkfarbenen Blüten werden gerne besucht. Für die hat besonders die blau-schwarze Holzbiene eine Schwäche, erzählt uns Venne.
Überhaupt nisten rund 70 Prozent der Wildbienen im Boden. Klassische „Bienenhotels“ helfen als Nistmöglichkeit daher nur zu einem geringen Teil. „Was wir viel mehr brauchen, sind offene Bodenstellen“, mahnt der Experte.





Ameisen, Wespen und Techno-Beats
Auch abseits der Welt der Wildbienen zeigte sich die Vielfalt der Senne: die auch zu den Stechimmen gehörenden Rollwespen, die ihre Beute gezielt lähmen, statt sie zu töten; riesige Hügel der Waldameisen, die als wichtige Gegenspieler von Forstschädlingen gelten und seltene, zirpende Feldheuschrecken wie die Gefleckte Keulenschrecke, deren Gesang (ausschließlich von den Männchen) leise über die Sandflächen schnarrt. Den besonders rhythmischen Gesang des Verkannten Grashüpfers kommentierte Venne als „Techno-Grashüpfer“, der sich mit einem deutlichen „diff-diff-diff-diff“ bemerkbar machte.
Wissen teilen, Begeisterung wecken
Das Projekt BieNe, das sich dem Schutz und der Förderung blütenbesuchender Insekten verschrieben hat, getragen von der Biologischen Station Kreis Paderborn-Senne und dem Naturwissenschaftlichen Verein für Bielefeld und Umgebung, will mit Informationskampagnen, Vorträgen und Beratungsangeboten auf den dramatischen Rückgang der Insekten aufmerksam machen – und darauf, was jede und jeder dagegen tun kann. Wer mehr darüber erfahren möchte, hier gehts zur Website!
Alle Events und Veranstaltungen des NABU Kreisverband Gütersloh findet ihr hier!
Am Ende der Exkursion bleibt der Eindruck eines Lebensraums voller leiser Wunder. Oder wie Christian Venne es selbst formuliert: „Ich kann vieles nicht – Spinnen, Fliegen oder Käfer bestimmen zum Beispiel. Aber wenn man sich auf ein paar Gruppen spezialisiert, merkt man erst, wie unglaublich vielfältig diese Welt ist.“
Und manchmal reicht es schon, stehenzubleiben – und einfach zuzuhören.


