Es gibt viel zu hören und so einiges zu entdecken im Versmolder Bruch. Foto: Martina Vogt
Ein Beitrag von Martina Vogt
Versmolder Bruch / Kreis Gütersloh. Es ist ein milder Frühlingsmorgen, kaum Wind, kein Regen – ideale Bedingungen für eine ornithologische Erkundungstour. Der NABU Kreisverband Gütersloh lud Interessierte zu dieser Exkursion ins Versmolder Bruch ein, dem drittgrößten Feuchtwiesen-Schutzgebiet im Kreis Gütersloh.
„Heute haben wir deutlich bessere Chancen, einige Singvögel zu hören im Vergleich zur Vogelkundlichen Exkursion vergangenes Jahr, bei kaltem Wind und leichtem Regen“, erzählt Dirk Wegener gleich zu Beginn. Denn während Sonnenschein oft überschätzt wird, gilt unter Ornithologen: Lieber windstill und leicht bewölkt, als sonnig und stürmisch. Starker Wind oder Regen bringt viele Vögel zum Schweigen.
Ein Konzert aus vielen Kehlen
Fernab von Asphalt und lärmendem Straßenverkehr machen wir uns – ein Trupp von rund 19 Teilnehmenden, darunter zwei Kleinkinder – auf ins Naturschutzgebiet. Sobald die letzten Begrüßungen verstummen, füllt sich die Luft angenehm mit den Stimmen verschiedenster Vögel. Ganz vorn dabei ist der Zilpzalp*. Er verdankt seinen Namen dem monotonen Gesang, der tatsächlich wie „zilp zalp zilp zalp“ klingt. Auch Kohlmeise*, Buchfink* und Mönchsgrasmücke* sind gut hörbar. Letztere gleich mehrfach: „Das sind verschiedene Reviere, nicht derselbe Vogel“, erklärt uns Wegener.
In der Ferne ist der melancholische Ruf des Großen Brachvogels* zu hören, wenig später auch Kiebitze*. Über Wiesen und Felder hinweg zieht das Zwitschern, unterbrochen vom hellen Gesang der Goldammer*. „Das hier ist ihr idealer Lebensraum“, erzählt uns der Hobby-Ornithologe und zeigt auf eine strukturreiche, nicht gedüngte Wiese mit einzelnen Bäumen.





*Die einzelnen Vogelstimmen können Sie sich hier anhören.
Gesang ist nicht gleich Gesang
Die Exkursion ist mehr als nur ein Spaziergang – sie ist eine Einführung in die Sprache der Vögel. Dirk Wegener erklärt uns den Unterschied zwischen Gesang und Ruf der Vögel: Während der Gesang vor allem der Partnersuche und Revierabgrenzung dient, erfüllen Rufe vielfältige Funktionen – von Warnrufen bis hin zu Kontaktrufen.
Einige Arten differenzieren da sogar noch: Drosseln* etwa unterscheiden zwischen Feinden am Boden (zum Beispiel eine Katze) und in der Luft, sie haben also unterschiedliche Warnrufe. Als plötzlich Unruhe aufkommt, ist schnell klar warum: Ein Greifvogel kreist am Himmel. Kurz darauf beginnt eine Blaumeise* mit einem auffälligen Warngesang.
Zwischen Feld und Siedlung
Am Wegesrand begegnen wir noch zwei Amseln*. Sie fliegen früh davon – ganz anders als ihre Artgenossen in der Stadt. „Ursprünglich war die Amsel ein scheuer Waldvogel“, berichtet Wegener. Erst im Laufe der Zeit hat sie sich den Menschen angepasst. In Siedlungen ist ihre Fluchtdistanz heute deutlich geringer.
Auch andere Arten zeigen sich: Der laute Zaunkönig*, ein Buntspecht*, ein Eichelhäher* und eine Dohle*. Das Trommeln des Spechts hallt durch das Gehölz – ein klares Signal zur Reviermarkierung.





Seltene Stimmen und stille Sorgen
Besonders aufmerksam wird die Gruppe, als der Gesang des Gartenrotschwanz* erklingt. „Ein eher schwermütiger Gesang“, beschreibt ihn Wegener – und zugleich ein selten gewordener. Der Grund liegt weit entfernt: im Überwinterungsgebiet in Afrika. Veränderungen durch den Klimawandel und Wüstenausbreitung erschweren vielen Langstreckenziehern das Überleben.
Ein Beispiel ist auch der Trauerschnäpper*. Seine Ankunft richtet sich nach genetisch festgelegten Zugzeiten – doch die Nahrung für seine Jungen – Raupen in Eichen – ist durch verfrühte Vegetationsphasen der Eichen bereits verpuppt, wenn die Brut nach Futter ruft. „Solche Arten haben ein echtes Problem“, laut Wegener. „Sie können sich kaum anpassen. Solche Dinge hat kaum jemand vor Augen, wenn es um den Klimawandel geht.“
Wir gehen weiter. Ob wir den Großen Brachvogel noch einmal wiedersehen? Leider nicht. Immerhin einen Höckerschwan* entdecken wir noch und noch mehr Graugänse*, Kiebitze* und Kanadagänse*.
Leben im Schwarm – oder allein
Während große Vögel wie Gänse in Formation fliegen und so Energie sparen, ziehen kleinere Arten oft in lockeren Schwärmen oder sogar allein – besonders nachts. Tagsüber lassen sich dagegen manchmal große Schwärme beobachten, etwa bei Finken oder Staren.
Ein lautes „pink, pink, pink“ lenkt unsere Aufmerksamkeit erneut auf den Buchfink*. Sein Ruf hat ihm sogar den Namen eingebracht. Und für alle, die sich Eselsbrücken merken wollen, gibt es lautmalerische Interpretationen: „Gib mir schnell das würzige Bier!“ – sehr zur Erheiterung der Gruppe. „Ich soll euch Vogelstimmen beibringen, nicht Trinksprüche!“, kontert Wegener lachend.
Naturbeobachtung mit Augenzwinkern
Neben Fachwissen gab es an diesem Samstagvormittag auch einiges zu lachen: Als ein Schwarm Gänse direkt über der Gruppe hinwegzieht, gibt uns Dirk Wegener einen praktischen Tipp: „Wenn die Vögel direkt über einem fliegen – bloß den Mund geschlossen halten.“ 🙂
Zum Abschluss bleibt die Erkenntnis, wie reichhaltig die Vogelwelt selbst auf vergleichsweise kleinem Raum ist – und wie spannend es sein kann, einmal genau hinzuhören.
Und noch ein Tipp: Vogelkundliche Reisen in fernere Gebiete bietet Dirk Wegener regelmäßig an – eine Gelegenheit, die Vogelwelt andernorts zu entdecken und zu erkunden. Hier finden Sie weitere Infos.
*Die einzelnen Vogelstimmen können Sie sich hier anhören oder nutzen Sie die NABU App Vogelwelt!




