Fotos: Martina Vogt
Versmolder Bruch/Kreis Gütersloh. Wie kalt es an diesem Samstagmorgen mitten im März war, ließ sich gut an den roten Nasenspitzen erkennen, die die Teilnehmenden der Vogel-Exkursion zum Naturschutzgebiet Versmolder Bruch durchweg alle hatten. Bei einer rund drei Kilometer langen Wanderung durch das drittgrößte Feuchtwiesen-Schutzgebiet im Kreis Gütersloh nahm der Bielefelder Hobby-Ornithologe Dirk Wegener uns mit in die faszinierende Welt der heimischen Vogelstimmen.
„So gut kenne ich das Gebiet hier gar nicht“, sprudelt es aus ihm heraus. Aber die Vögel singen hier auch nicht anders als in Bielefeld“, scherzt Wegener zu Beginn der vom NABU Gütersloh initiierten Veranstaltung. Und tatsächlich: Wer genau hinhört, erkennt schnell bekannte Stimmen. In der Ferne ist der Buchfink zu hören, dessen Gesang europaweit nahezu identisch ist. „Der singt immer die gleiche Strophe – egal ob hier, in Griechenland oder in Spanien“, erklärt uns der Experte.
Konzert mit vielen Stimmen
Neben dem Buchfink lassen sich weitere Arten ausmachen: Goldammer, Kohl- und Blaumeise sind zwar zunächst nur aus der Ferne hörbar, doch mit etwas Übung lassen sich ihre Stimmen gut unterscheiden. Gerade bei Meisen wird es allerdings knifflig: Sie verfügen über eine erstaunliche Vielfalt an Gesängen und Rufen, sie imitieren andere Vogelstimmen und bauen diese gern in ihren eigenen Gesang mit ein.




„Grundsätzlich unterscheidet man bei Vögeln zwischen Gesang und Ruf“, fährt Dirk Wegener fort. „Während der Gesang vor allem der Partnersuche und Revierabgrenzung dient, erfüllen Rufe ganz andere Kommunikationszwecke.“ Besonders im Frühling, zur Brutzeit, ist das Vogelkonzert am intensivsten.
Welche Arten gibt es im Versmolder Bruch?
Neben häufigen Arten wie Meisen oder Buchfinken könnten auch Feldlerche, Stieglitz oder Greifvögel wie der Mäusebussard und der Turmfalke gesichtet werden. Ein besonderes Highlight im Versmolder Naturschutzgebiet ist der Große Brachvogel, der auf feuchte Wiesen angewiesen ist und vor allem in der Nähe des Beobachtungsturms vermutet wird. Auch die Bachstelze könnte unter Brücken brüten, vermutet Wegener.
Tatsächlich zeigen sich im Laufe der Exkursion zahlreiche weitere Arten: Ringeltaube, Graugans, Kanadagans, Kranich sowie Schwärme von Staren, Wiesenpieper, Kohlmeise und am Boden sind Bachstelzen unterwegs. „Im Wald hören wir gleich hoffentlich den Kleiber“, die bereits im Mai schon aufhören zu singen. Für viele Vögel ist dann mit dem Ende der Brutzeit das Ende der Gesangszeit gekommen.

Ideale Bedingungen – trotz Kälte
Ist ein Start um 9 Uhr zu spät für Vogelbeobachtungen? „Man könnte auch um 6 Uhr beginnen, aber um diese Jahreszeit ist das nicht entscheidend“, so Wegener. Zwar beginnen viele Vögel bereits in der Dämmerung zu singen, doch grundsätzlich sind sie den ganzen Tag aktiv. Erst mit steigenden Temperaturen ab Mitte April verlagert sich der Gesang stärker in die Morgen- und Abendstunden.
Das Wetter spielt dabei eine wichtige Rolle: Kälte stört die Vögel kaum, starker Wind hingegen schon. Regen wiederum beeinträchtigt sowohl die Tiere als auch die Beobachter. „Vögel sind wetterfühlig – aber längst nicht solche Memmen wie wir Menschen“, meint Wegener mit einem Lächeln.
Warum Vögel singen
Der Gesang erfüllt gleich zwei Funktionen: Männchen locken Weibchen an und markieren gleichzeitig ihr Revier gegenüber Rivalen. Außerhalb der Brutzeit verstummt das Konzert daher weitgehend. Nur wenige Arten wie das Rotkehlchen oder der Zaunkönig sind auch im Herbst oder Winter zu hören.
Dramatischer Rückgang der Vogelwelt
Neben der Begeisterung für die Natur spricht Wegener auch ein ernstes Thema an. Seit über 45 Jahren beobachtet er Vögel – und stellt einen deutlichen Rückgang fest. „Vor 30 Jahren hätten wir hier an dieser Stelle vermutlich doppelt so viele Vögel gehört“, berichtet er.







Besonders betroffen sind Wiesenvögel wie die Feldlerche. Hauptursache ist die intensive Landwirtschaft. Auch Langstreckenzieher leiden, da sie in ihren Überwinterungsgebieten – etwa in Afrika – zunehmend schlechtere Bedingungen vorfinden. Arten wie der Austernfischer, der Kiebitz und der Große Brachvogel verzeichnen drastische Bestandsrückgänge. Ein weiteres Problem stellen eingeschleppte Tiere dar: Auch Waschbären können heimische Vogelarten gefährden, etwa durch das Plündern von Nestern.
Natur erleben und verstehen
Die Exkursion zeigte eindrucksvoll, wie viel es vor unserer Haustür zu entdecken gibt. Mit etwas Geduld und offenen Ohren wird das scheinbar diffuse Zwitschern zu einem spannenden Puzzle aus einzelnen Stimmen. Oder, wie Wegener es ausdrückt: Man muss einfach nur genau hinhören. 🙂
