Wenn zwei Triebe zueinanderfinden …

Alles Wissenswerte über die Veredelung von Obstbäumen vermittelte Ralf Upmann in seiner Baumschule. Fotos: Karina und Stefanie Klappenbach.

Ein Beitrag von Martina Vogt

Kreis Gütersloh/Steinhagen. Ganz idyllisch umgeben von alten Hofteichen und Streuobstwiesen zwischen dem Naturschutzgebiet „Ströhen“ am Südhang des Teutoburger Waldes in Steinhagen liegt die Bioland Baumschule Upmann. Ralf Upmann führt den Betrieb mittlerweile seit über 40 Jahren. Zusammen mit dem NABU Gütersloh lud er Ende Februar Interessierte in seine Baumschule ein, um dort Wissenswertes über die Veredelung von Obstbäumen zu berichten.

Ralf Upmann erklärt das Veredelungsverfahren.

Bei klarer Luft und ruhenden Bäumen … Für Obstbauern und ambitionierte Hobbygärtner:innen beginnt nun eine entscheidende Phase: „In der Zeit von März bis April, solange die Gehölze noch im Saftruhe-Zustand sind, können Obstbäume veredelt werden“, erzählt uns Experte Ralf Upmann.

Wie funktioniert das Veredeln?

Eine bewährte Methode ist das „Verbinden ähnlich starker Triebe“ – in der Fachsprache Kopulation genannt (im Spätwinter). Das Prinzip ist ebenso einfach wie wirkungsvoll: Zwei etwa bleistiftdicke Triebe – die sogenannte Unterlage und das Edelreis – werden so miteinander verbunden, dass sie zu einer neuen, leistungsfähigen Pflanze zusammenwachsen. Voraussetzung ist, dass beide Pflanzenteile einen ähnlichen Durchmesser haben. Nur so lassen sich die empfindlichen Wachstumsschichten, das Kambium, exakt aufeinanderlegen. Bei der Augenveredelung, der Okulation, wird eine Knospe unter die Rinde (im Sommer) eingesetzt. Setzt man Reiser bei dickeren Unterlagen (im Frühjahr) ein, nennt man das Rindenpfropfen.

Präzision mit dem Messer

Mit einem scharfen Veredelungsmesser setzt der Fachmann an beiden Trieben einen mehrere Zentimeter langen, schrägen Schnitt. Die entstandenen Schnittflächen werden passgenau aufeinandergelegt, fest miteinander verbunden und sorgfältig versiegelt. Und zwar so versiegelt, dass keine Keime und auch keine Luft mehr eindringen können, rät Upmann und fügt hinzu: „Je genauer die Schnitte, desto höher ist die Anwuchsrate.“ Tatsächlich gilt die Kopulation als Methode mit hoher Erfolgsquote, sofern sauber gearbeitet wird. Besonders verbreitet ist die „verbesserte Kopulation“: Hier schneiden Gärtner:innen zusätzlich eine kleine Gegenzunge in beide Flächen. Die Triebe greifen dadurch ineinander und bekommen mehr Halt – ein Vorteil bei Wind und Bewegung.

Alte Technik mit aktueller Bedeutung

Angewendet wird das Verfahren vor allem bei Apfel-, Birn- oder Zwetschgenbäumen, aber auch bei vielen anderen Obstgehölzen. Ziel ist es, die positiven Eigenschaften einer robusten Unterlage – etwa Widerstandskraft gegen Krankheiten oder Bodenanpassung – mit den gewünschten Fruchteigenschaften einer Edelsorte zu verbinden. Ob im Erwerbs-Obstbau oder im Hausgarten: Die Veredelung im Spätwinter entscheidet maßgeblich über Ertrag, Qualität und Langlebigkeit eines Baumes. Wenn im Frühjahr der Saftstrom einsetzt, beginnt im Idealfall auch das Verwachsen der beiden Triebe – und aus zwei Pflanzenteilen wird ein neuer Baum.

Alte Bäume wiederbeleben. Geht das?

Besonders dann, wenn es sich um alte Sorten handelt, mache Veredelung Sinn, erfahren wir am Ende der Veranstaltung vom Experten. „Alte Sorten durch Veredelung zu erhalten oder unbekannte Sorten zu erhalten, die es nicht mehr auf dem Markt gibt, das sind einige der wichtigsten Ziele beim Veredeln“, schließt Upmann. „Durch Reiser der alten Bäume können neue Bäume herangezüchtet werden. So kann man die alte Sorte neu heranwachsen lassen“, weiß NABU-Mitglied Stefanie Klappenbach. „Dank des Veredelns erhalten wir die Vielfalt.“